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Leicht­athletik

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2.2 | Kurzer historischer Aufriss der Behinderten-Sportbewegung

Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts empfahlen Mediziner aus rehabilitativen Gründen, dass Menschen mit Behinderung Sport in Form von Heilgymnastik treiben sollten. In der Folgezeit kamen auch andere sportliche Bewegungen dazu (siehe Köpke 2018e, 136). Die Ursprünge des heutigen Wettkampsports für Menschen mit Behinderung gehen auf den Neurochirurgen Ludwig Guttmann zurück, der ab 1943 ein nationales Zentrum zur Behandlung von Rückenmarkserkrankungen/-verletzungen der zahlreichen Kriegsversehrten im Stoke Mandeville Hospital in Aylesbury/England aufbaute. Er entwickelte die damals revolutionäre Methode, Querschnittsgelähmte über körperliche Bewegung bzw. Sport umfassend zu „rehabilitieren“ und wieder an die Berufstätigkeit heranzuführen. Daraus entstand der Wunsch nach sportlichen Wettkämpfen für Menschen mit Querschnittslähmung. 1948 fanden – etwa zeitgleich und in räumlicher Nähe zu den Olympischen Spielen in London – die ersten Stoke Mandeville-Games mit 16 querschnittgelähmten Teilnehmern im Bogenschießen statt. Seit 1952 nahmen auch ausländische Sportler an diesen Wettkämpfen teil (130 Teilnehmer). 1960 wurden die 9. International Stoke Mandeville- Games erstmals am Ort der Olympischen Spiele in Rom durchgeführt (400 Teilnehmer), 1976 fanden in Schweden die erste Winterspiele für Menschen mit Behinderung statt. Zeitweise (1964-1984) wählte man andere Austragungsorte als die der Olympischen Spiele. Der Begriff „Paralympics“ wurde erstmals offiziell anlässlich der Spiele 1988 in Seoul/Korea verwendet. Davor waren Bezeichnungen wie „Weltspiele der Gelähmten“, „Olympiade der Behinderten“ oder „Weltspiele der Behinderten“ gebräuchlich. Seit 1988 (Seoul) bzw. 1992 (Albertville) finden die Paralympics wieder im Anschluss an die Olympischen Spielen am selben Ort statt. 2016 nahmen in Rio de Janeiro 4350 Sportler aus 176 Nationen in 528 Wettbewerben teil, 2021 in Tokio 4537 Sportler aus 164 Nationen (beachte: Pandemie- Einschränkungen). Dabei ist der Anteil der Frauen steigend, doch sind sie immer noch unterrepräsentiert (Kemper, 2015, 78).

Abb. 2.4

Abb. 2.4 Ursprung des Wettkampfsports für Athleten mit Behinderung bei den durch Ludwig Guttmann initiierten Stoke-Mandeville-Games (später Paralympics) mit Bogenschießen für querschnittgelähmte Sportlerinnen und Sportler (Jewish Museum London).

Auch in Deutschland sah man den Sport in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg zunächst als geeignetes Mittel, die Folgen von Kriegsverletzungen zu überwinden und die Kriegsversehrten wieder in das gesellschaftliche Leben, insbesondere den Arbeitsmarkt zu integrieren. Der sogenannte Versehrtensport fand in den Vereinen bzw. entsprechenden Abteilungen statt. 1950 wurden die ersten Deutschen Versehrtenmeisterschaften im Schwimmen und in der Leichtathletik durchgeführt (Schliermann et al., 2014, 5). Schon 1951 wurde die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensport“ gegründet, die 1976 in „Deutscher Behindertensportverband“ bzw. „DBS“ umbenannt wurde. Der DBS ist ein Multisportartenverband (u. a. mit den Sportarten Para Leichtathletik, Para Schwimmen, Para Ski nordisch, Para Tischtennis und Sitzvolleyball). Die Gruppe der Rollstuhlfahrer hat sich im Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) organisiert, der Mitglied im DBS ist.

Seit 1952 haben sich auch internationale Sportverbände für Menschen mit Behinderung (z. B. Sehbehinderte, Körperbehinderte, Spastiker) gegründet, nicht zuletzt, um internationale Meisterschaften durchzuführen. Die Mehrzahl der Sportarten ist aber inzwischen in eigenständigen Verbänden oder unter dem Dach des int. Olympischen Fachverbandes organisiert. 1989 wurde in Düsseldorf das Internationale Paralympische Committee (IPC) gegründet, das inzwischen seinen Sitz in Bonn hat. Entsprechend ist der DBS zugleich das Nationale Paralympische Komitee Deutschlands bzw. das NPC Germany.