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Para
Leicht­athletik

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3.1 | Allgemeine Hinweise

Im Para Sport bzw. im Deutschen Behindertensportverband (DBS) sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Formen von Behinderungen organisiert. Z. T. gibt es auch Sportler mit mehrfacher Behinderung, dann erfolgt die Einstufung aufgrund nur einer, in der Regel der schwerwiegenderen Behinderung. Grundsätzlich gilt, dass die Beeinträchtigung eines Menschen mindestens 20 GdB (Grad der Behinderung) ausmachen muss, damit er/sie in eine der Leistungsklassen eingestuft werden kann. Zunächst sportartübergreifend unterscheidet der DBS, aber auch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) zehn Kategorien der Behinderung (Tab. 3.1).
Man erkennt schnell, dass diese Aufstellung nicht alle Formen von Behinderung enthält. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht alle Menschen mit Behinderungen am Para Wettkampfsystem teilnehmen können. Das hat unterschiedliche Gründe: Ein ganz wesentlicher Grund ist, dass sich Personen mit bestimmten gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Wettkampfteilnahme gefährden bzw. ihre gesundheitlichen Probleme verschlimmern würden. Dies trifft für Herzerkrankungen, Krankheiten mit Schüben oder Mukoviszidose zu. Menschen mit entsprechenden Erkrankungen erhalten zum Selbstschutz keine ärztliche Freigabe und können/dürfen nicht an Wettkämpfen des NPC/IPC teilnehmen (vergl. Pochstein & Wegner, 2015, 294f). Doch kann für sie eine sportliche Betätigung unter fachlicher Anleitung und ohne Wettkampfstress durchaus sinnvoll sein. Auch die sogenannten Zivilisations-Erkrankungen wie Übergewicht, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, die durchaus chronische Verläufe nehmen können, aber im Prinzip reversibel sind, bleiben bei der Klassifizierung unberücksichtigt. Ein weiterer Grund für die Nicht-Berücksichtigung ist, dass sich Menschen mit bestimmten Beeinträchtigungen wie der Hörbehinderung separat, also außerhalb von NPC/IPC mit eigener Verbandsstruktur und Meisterschaften (bis zu den Deaflympics) organisiert haben. Schließlich gibt es Behinderungen, die sehr selten auftreten bzw. in jüngerer Zeit entdeckt wurden und erst in das Klassifizierungssystem aufgenommen oder in die Restkategorien eingeordnet werden müssen.
Eine Behinderung kann von Geburt an bestehen, durch Krankheit oder durch Unfall verursacht sein (s. o., Einschub in Kap. 2.1). Im letzteren Fall spricht man in sportfachlich-organisatorischer Hinsicht von „Quereinsteigern“. Haben sie schon vor dem Unfall bzw. der Erkrankung Sport getrieben, können sie die früheren Erfahrungen im Sport (einzelne motorische Fertigkeiten, motorisches Lernen an sich, Bereitschaft zum harten Training) in die weitere Sporttätigkeit als Para Athlet einbringen. Doch ergeben sich durch die Behinderung neue Anforderungen an das Sporttreiben, die es im Training zu berücksichtigen gilt:

  • Koordinativ-technischer Aspekt: Bewegungsabläufe müssen neu- oder umgelernt werden, z. B. der Wechsel auf den anderen Wurf-Arm, auf das andere Sprungbein oder die veränderte Lauftechnik durch zerebrale Probleme oder nach Amputation das Laufen, Springen und Werfen mit einer Prothese. Erfahrungsgemäß ist das Umlernen schon gefestigter Bewegungsabläufe oft schwieriger als das Neulernen.
  • Konditionell-energetischer Aspekt: Auch der Wechsel der Hauptantriebsmuskulatur stellt eine besondere Herausforderung dar. Wurde vorher die Fortbewegung primär mit den Beinen erzeugt und muss nach dem Unfall oder Erkrankung der Rollstuhl mit den Armen angetrieben werden, muss sich die Muskelstruktur der Arme erst ausprägen und an die neuen Stoffwechselanforderungen anpassen, z. B. Muskelzuwachs, Aufbau der aeroben Kapazitäten, Bildung und Abtransport von Laktat betreffend.

Tab. 3.1 Beeinträchtigungskategorien laut DBS- und IPC-Ordnung (DBS, 2023)

Tab. 3.1

Wer von Geburt an mit der Behinderung lebt und früh beginnt, Sport zu treiben, kann sich entsprechend lange darauf einrichten und braucht sich nicht umzustellen. So dominieren im Rennrollstuhlbereich aktuell die Athleten, die von klein auf mit dem Rollstuhl vertraut sind (Odermatt & Killing, 2022).