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Para
Leicht­athletik

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3.3 | Prinzipien und Abläufe der Klassifizierung

Während es in der olympischen Leichtathletik in jeder Disziplin für Männer und Frauen jeweils nur eine Startklasse gibt, bestehen in der Para Leichtathletik für jede Disziplin mehrere Startklassen, beispielsweise im 100-m-Lauf 16 verschiedene Startklassen, je nach Art und Grad der Behinderung. Dies liegt an den großen Unterschieden in den Leistungsvoraussetzungen der einzelnen Startgruppen bzw. -klassen. Bevor ein Athlet in der Para Leichtathletik an den Start gehen kann, muss er einer dieser Startklassen zugeteilt werden. Das ist Aufgabe der „Klassifizierung“. Bei der Klassifizierung wird entschieden, ob ein Bewerber als paralympischer Athlet anerkannt wird und welcher Startklasse der Sportler – entsprechend seinen individuellen und sportartspezifischen Einschränkungen – zuzuordnen ist (DBS-Homepage, 2023). Ziel der Klassifizierung ist, dass die Sportler Wettkämpfe unter annähernd vergleichbaren Ausgangsbedingungen absolvieren können. Dadurch sollen ihre Chancen auf Erfolg aufgrund erworbener Fähigkeiten und Fertigkeiten gewahrt werden, aber unabhängig von der individuellen Behinderung sein.

„Klassifizierungen im Wettkampfsport sind notwendig, damit alle Sporttreibenden ein Anrecht auf größtmögliche Chancengleichheit haben. Klassifizierungssysteme ordnen Sportlern mit ähnlichen Voraussetzungen oder Fähigkeiten Gruppen zu, so dass die Leistungen untereinander vergleichbar sind und Fähigkeit, Fitness, Kraft, Ausdauer, taktisches Geschick und mentale Stärke unabhängig der Einschränkungen über Sieg oder Niederlage entscheiden. Im Sport für Menschen mit Behinderungen, besonders im Para Leistungssport, spielen Klassifizierungen eine große Rolle, da hier die Unterschiede bei den körperlichen und geistigen Voraussetzungen zur Ausübung einer Sportart besonders individuell und vielfältig sind. Um eine Vergleichbarkeit der Leistungen herzustellen und ein größtmögliches Teilnehmerfeld zu generieren, wurden sportartspezifischen Klassifizierungssysteme entwickelt“ (DBS-Homepage, 2023).

Andererseits beeinträchtigen zu viele Klassen die Attraktivität des Sports der Menschen mit Behinderungen. Die Wettkämpfe werden für die Zuschauenden unübersichtlich, oder es fehlt die Spannung, weil zu wenige Sportler in einem Wettbewerb gegeneinander antreten. Hier muss also eine Abwägung zwischen Chancengleichheit und möglichst großer öffentlicher Wahrnehmung und damit Unterstützung des Para Sports vorgenommen werden. Bei der Klassifizierung werden unterschiedliche Level bzw. Gültigkeitsbereiche unterschieden:

  • Eine erste Klassifizierung kann zunächst regional erfolgen, z. B. aufgrund einer ärztlichen Untersuchung und Einschätzung oder durch die Landes-Klassifizierer
  • Möchte ein Athlet an nationalen Para Meisterschaften teilnehmen, ist eine nationale Klassifizierung durch qualifiziertes und anerkanntes Personal erforderlich, durch die nationalen Klassifizierer
  • Soll ein Athlet an internationalen Wettkämpfen teilnehmen, ist vorab eine internationale Klassifizierung durch vom IPC bestimmte, qualifizierte und lizensierte Klassifizierer erforderlich, die internationalen Klassifizierer

Um den Reiseaufwand gering zu halten, werden Klassifizierungen häufig im Vorfeld internationaler Wettkämpfe/Meisterschaften durchgeführt. Nur zu den Paralympics finden in der Regel keine Klassifizierungen statt, so dass dort nur klassifizierte, qualifizierte und dadurch auch schon bekannte Athleten teilnehmen können.
Die Klassifizierung wird von fachkundigem, neutralen und vom DBS bzw. IPC anerkannten Personal durchgeführt. Eine Klassifizierung wird von mindestens zwei, i.d.R. drei Klassifizierern durchgeführt, die sich idealerweise in ihren Kompetenzen ergänzen, z. B. Arzt, Physiotherapeut und Sportexperte (Trainer). Während der Untersuchung prüfen sie die Athleten anhand sportartspezifischer, wissenschaftlicher, überwiegend medizinischer Kriterien, führen aber auch sportpraktische Testübungen (z. B. Skippings, Seitausfallschritte, Einbeinsprünge links und rechts) durch, die gleichermaßen sportartspezifisch, aber auch auf die Art der Behinderung ausgerichtet sind. Jeder Athlet darf zur Klassifizierung von einem klassifizierungskompetenten Vertreter begleitet werden. Die Klassifikation beinhaltet:

  • Eine Anamnese inklusive der Sichtung ärztlicher Gutachten
  • Eine Untersuchung/Funktionskontrolle auf der Untersuchungsbank
  • Einfache Funktionstests im Untersuchungsraum
  • Sportmotorische Tests
  • Sportpraktische Beobachtungen, bei dem der Athlet seine Spezialdisziplin mit einem Anstrengungsgrad von mind. 85 % seiner Bestleistung absolvieren muss
  • Beobachtungen im Wettkampf

Nach Abschluss der Untersuchungen und Beobachtungen verständigen sich die Klassifizierer auf die Einstufung des Athleten in eine Startklasse, den Status und ggfs. die Dauer der Gültigkeit und teilen das dem Athleten und seinen Begleitpersonen mit. Zugleich wird das Ergebnis öffentlich ausgehangen (Abb. 3.15). Bei Meinungsverschiedenheit zwischen den Klassifizierern wird ein dritter Gutachter hinzugezogen.

Abb. 3.15

Abb. 3.15 Aushang zur Einstufung zweier Athletinnen in die Startklassen F32 und T38 nach internationaler Klassifikation
Die Klassifizierer müssen damit rechnen, dass einzelne Athleten das Ausmaß ihrer Behinderung übertreiben, um einer günstigen Startklasse zugeteilt zu werden. Um solche Manipulationen zu unterlaufen, sind die Klassifizierer angehalten, die Athleten auch im Training und Wettkampf zu beobachten. Protestwege sind möglich, sofern hierfür Gründe vorliegen.
In einigen Behinderungsklassen ist die Klassifizierung vergleichsweise klar, so dass eine einmalige Prüfung und Einordnung genügt. In anderen Gruppen ist die Einordnung schwierig, so dass vorläufige, zeitlich befristet gültige Einstufungen erfolgen. Nach Ablauf des gewährten Zeitraums muss sich der Athlet erneut zur Klassifikation vorstellen.
Dadurch ist für die jeweiligen Startklassen und Athleten die Klassifizierung ein sensibler, vorentscheidender Prozess, der entsprechend emotional und mit Erwartungen seitens der Athleten und ihrer Betreuer belegt ist. Je schwerer die Behinderung bewertet wird und je niedriger die Startklasse, z. B. statt vorher T37 neu T36, umso größer sind prinzipiell die ErfolgsaussichtenDadurch, dass in einzelnen Startklassen wenige Teilnehmer antreten bzw. aktuell ein schwächeres Leistungsniveau besteht (s. u., Kap. 3.6), kann die Einstufung in eine prinzipiell leichtere Startklasse, also geringere Behinderung, im Einzelfall die Erfolgsaussichten auch steigern bzw. umgekehrt die Einstufung in eine schwerere Startklasse mit aber aktuell leistungsstarken Teilnehmern, die Chancen verschlechtern. Dies wird in Einzelfällen sportgerichtlich angefochten, bisher aber ohne Erfolg (siehe dazu Spiegel 50/2022, S. 95f).. Da sich manche Krankheitsbilder im Zeitverlauf verschlechtern, ist eine derartige Änderung durchaus möglich.
Doch kann auch der umgekehrte Fall eintreten: Da, wie schon erwähnt, auch die Ausführung und die Leistungen in sportartspezifischen Übungen berücksichtigt werden, und der Trainingsprozess die motorischen Voraussetzungen grundsätzlich verbessern soll, kann der Athlet durch ein erfolgreiches Training in eine leichtere (numerisch höhere) Behinderungsklasse eingestuft werden als zuvor. Aus diesem Grund sind die Verantwortlichen um eine ständige Weiterentwicklung der Prüfkriterien bemüht.

Punktesystem
Nicht in jeder Behinderungsklasse gibt es ausreichend Teilnehmer, um Starterfelder komplett aufzufüllen. Um Wettkämpfe zwischen Sportlern verschiedener Behinderungsklassen möglich zu machen, wurde ein Punktesystem eingeführt. Sportler mit stärkeren Behinderungen erhalten höhere Punktwerte als Sportler mit geringerer Behinderung. Mit diesen Punktwerten wird die Leistung multipliziert, so dass Para Athleten mit stärkerer Behinderung trotz absolut schlechterer Leistung aus einem Wettkampf als Gewinner hervorgehen können.
Dieses System der Punktevergabe ist insbesondere im Nachwuchs wichtig, z. B. bei „Jugend trainiert für Paralympics“, wird aber auch bei regionalen und Deutschen Meisterschaften angewandt, um einzelne Starter aus verschiedenen Startklassen miteinander vergleichen zu können. Ansonsten könnte kein Meistertitel vergeben werden. Bei internationalen Meisterschaften und Wettkämpfen wird aus Gründen der Transparenz und Authentizität des Wettkampfgeschehens mit Siegern und Platzierten auf die Anwendung des Punktesystems verzichtet, mit dem die Rangfolge im Nachhinein verändert werden würde.