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Para
Leicht­athletik

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4.6 | Gemeinsame sportethische Grundsätze

Olympische und paralympische Leichtathletik bzw. DLV und DBS haben neben den fachinhaltlichen Gemeinsamkeiten einen gleichen Werte-Kanon für das Verhalten ihrer Mitglieder innerhalb, aber auch außerhalb des Sports, der im Rahmentrainingsplan nur mit wenigen Schlagworten umrissen werden kann.

4.6.1 Fair Play, Anti-Doping-Haltung

Innerhalb des Sports ist Fair Play ein Leitmotiv für alle Akteure. Die Philosophie des Wettkampfsports ist, dass der Bessere gewinnen möge, im Besonderen für den Para Sport, unabhängig von Art und Ausmaß der Behinderung (s. o., Kap. 2). Durch die Klassifikation und Einteilung in verschiedene Startklassen sollen die Einschränkungen der einzelnen Behinderungen vergleichbar werden. Insofern ist die korrekte Einstufung in die richtige Startklasse ein wichtiges Element des Fair-Play im Para Sport. Athleten dürfen sich in der Klassifikation nicht eingeschränkter darstellen als sie tatsächlich sind, sonst droht die nachträgliche Disqualifikation. Das Fair Play hat noch viele weitere Aspekte: Im Wettkampf der Verzicht auf unerlaubte Vorteile, Respektierung der Konkurrenten, aber auch der Kampfrichter und anderer Helfer, Anerkennung des Erfolges anderer, Gratulation für den Sieger, Hilfestellung im Notfall.

Abb. 4.35

Abb. 4.35 Fair Play, mehr als eine Geste! (btr)

Anti-Doping-Haltung
Das Fair-Play schließt auch wettkampfvorbereitende Handlungen ein, hier ist insbesondere der Verzicht auf Doping gemeint, also auf die unerlaubte medikamentöse Leistungssteigerung. Für Para Athleten, die zur Gestaltung eines normalen Lebens auf regelmäßige Medikamenteneinnahme angewiesen sind, bergen Doping-Substanzen noch einmal größere Risiken, da es zu unkalkulierbaren Wechselwirkungen mit den anderen Medikamenten und erheblichen gesundheitlichen Schäden kommen kann. Insofern ist in der Para Leichtathletik eine strikte Anti-Doping-Haltung gleichermaßen aus ethischen wie gesundheitserhaltenden Gründen von erheblicher Bedeutung.

Einhaltung technischer Standards
Im Para Sport selbst wurde der Begriff des Techno-Dopings geprägt, womit unerlaubte technologische Hilfen/Manipulationen an den Wettkampfgeräten gemeint sind. Die unerlaubte Veränderung der Wettkampfgeräte gibt es im Prinzip auch im Bereich der olympischen Leichtathletik. Durch die fortgeschrittene Technisierung einzelner Startgruppen (Rennrollstuhl, Prothesensprint) ist hier die Wirkung gerätetechnischer Veränderungen jedoch größer. Entsprechend wurden Standards für die Geräte definiert (z. B. was die Länge der Prothesen betrifft, s. o., Kap. 3.5), die von allen Teilnehmern am Wettkampf eingehalten und von den Kampfrichtern überprüft werden müssen, was eine erhebliche Expertise erfordert. Die Regelwerke „World Para Athletics – Rules and Regulations“ sowie „WPA Classificatioin Rules and Regulations“ geben hier konkrete Vorgaben.
Diese Standards müssen regelmäßig hinsichtlich technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen überprüft werden. Dies gilt es gerade in Hinblick auf die öffentliche Diskussion um gemeinsame Starts von Athleten mit und ohne Behinderung zu beachten.

4.6.2 Regeln für den Umgang mit Schutzbefohlenen
Abb. 4.36

Abb. 4.36 Der Sport im Kleinen wie im Großen „ein Spiegel der Gesellschaft“ (Foto rechts: btr)

Die wichtigsten Akteure im Leistungssport sind die (jungen) Sportler. Sie kommen als Kinder oder Jugendliche, also als noch unmündige schwache Partner in das Sportsystem und werden dort Trainern und anderen Funktionsträgern anvertraut. Es ist der selbsterklärte Wille der Entscheidungsträger in Vereinen, Verbänden und Gesellschaft, dass die Trainer von Anfang an respektvoll mit den ihnen anvertrauten jungen Sportlern umgehen und sie zu selbstständig agierenden Persönlichkeiten entwickeln helfen. Auch wenn dieser Anspruch, abstrakt formuliert, unwidersprochen ist, bedarf seine Umsetzung großer Anstrengungen, da viele gesellschaftliche Strömungen und Probleme auch, z. T. gerade im Sport stattfinden. Weil sich die jungen Sportler in Abhängigkeit von den Trainern befinden, bestehen Gefahren wie:

  • Ausgrenzung von Einzelnen bzw. Minderheiten
  • Erfahrung körperlicher und seelischer Gewalt
  • Sexuelle Übergriffe bis zum sexuellen Missbrauch
  • Kontakt und Umgang mit legalen und illegalen Drogen

Durch die größere Abhängigkeit der Menschen mit Behinderung von ihren Betreuern ist hier die Missbrauchsgefahr um ein Mehrfaches erhöht (Richarz, 2018). Dass diejenigen, die den ihnen anvertrauten Sportlern einen Schutzraum gewähren sollen, zu Tätern werden, ist besonders perfide und erschwert die Wahrnehmung und Unterbindung solcher Situationen. Strukturell personell unterbesetzt, fällt es dem Sport (wie andere Institutionen der Jugendarbeit) schwer, entsprechende Sicherheitsinstanzen aufzubauen und zu erhalten, z. B. schon erkannte Täter zu identifizieren, sie systematisch aus dem Sportsystem auszuschließen und fortlaufend vorbeugende, aufklärende Maßnahmen durchzuführen. Ungeachtet der Schwierigkeiten ist der organisierte Sport gehalten, diese eigenen ethischen Standards im Umgang mit schutzbefohlenen Sportlern sicherzustellen und den Missbrauch zu minimieren. Oftmals sind schon regelmäßige Trainer- bzw. Abteilungssitzungen geeignet, Fehlverhalten frühzeitig zu erkennen und zu unterbinden (s. u., Kap. 9.4.3)

Abb. 4.37

Abb. 4.37 Aufklärung gegen jede Art von Übergriffigkeit und Mißbrauch im Sport (Sportjugend Hannover)

Good Governance
Oft können Probleme schon auf der individuellen Ebene zwischen den Personen geregelt werden, anderes muss der Trainer oder andere Verantwortliche für die ihm Anvertrauten festlegen und auch sicherstellen, vieles muss aber auch institutionell, z. B. durch entsprechende Sensibilisierung, Regulieren bzw. Fortbildungen geregelt werden. Manches muss auch zwischen den Verbänden diskutiert bzw. müssen zunächst Antennen entwickelt, Institutionen gebildet und Verantwortliche benannt, gemeinsame Regelungen getroffen, regelmäßig überprüft und gegebenenfalls Sanktionen ausgesprochen werden.

4.6.3 Chancen des Sports nutzen!

Für manche gesellschaftliche Themenbzw. Aufgabenbereiche bietet der Sport sehr günstige Voraussetzungen:

  • Integration bzw. Inklusion von Minderheiten in die größere Gemeinschaft
  • Erfahrung der eigenen Leistungsfähigkeit durch nachhaltiges Bemühen Körper- und Gesundheitsbewusstsein
  • Junge Menschen im Fokus von Medien und Öffentlichkeit

So eignet sich das gemeinsame Sporttreiben sehr gut für die Integration von Menschen, die der deutschen Sprache (noch) nicht mächtig sind, denn der Sport funktioniert „ohne Worte“ durch Demonstration und Nachahmung von Bewegungen. Auch das Leistungsstreben ist dem Wettkampfsport immanent und wird sowohl im systematischen Training wie auch im Wettkampf von den Sportlern gefordert. Sozusagen im Nebeneffekt werden die Sportler für die Möglichkeiten und Grenzen ihres Körpers sensibilisiert und auf die Bedeutung von regelmäßigem Schlaf, guter Ernährung und angemessener Kleidung hingewiesen. Mit den ersten Erfolgen können sie den Umgang mit Medienvertretern erproben und ihr eigenes Auftreten öffentlich bzw. in den Medien wahrnehmen. All dies kann man unter erfahrener Anleitung besser bzw. behutsamer umsetzen, insofern qualifiziertes Personal vorhanden ist. Viele später erfolgreiche olympische und Para Athleten haben irgendwann dieses Potential des Leistungssports für sich entdeckt und konnten sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln, ihre leistungssportlichen Erfahrungen über den Sport hinaus für ihr weiteres Leben nutzen und damit anderen als Vorbild dienen.

Abb. 4.38a Abb. 4.38b

Abb. 4.38 Gemeinsames Sporttreiben stiftet Sinn und Zusammenhalt (btr)

Die vorgenannten sportethischen Grundsätze haben sich über Jahrzehnte entwickelt und bewährt. Zugleich geschieht aber ein fortgesetzter gesellschaftlicher Wandel (z. B. neue Medien), der neue Anwendungsbereiche für sportethisches Handeln erschließt, eventuell aber auch Anpassungen bzw. sogar Wandlungen der Grundsätze erfordert.