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Leicht­athletik

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8.3 | Tests zur Erfassung des Leistungsniveaus

Während die Trainingsprotokollierung umfangsbezogener Trainingskennziffern gut erfassbar ist und die Daten aggregiert werden können, ist dies bei Intensitätsund Qualitätskriterien schwieriger, da Mittelwerte z. B. von Läufen die Intensitäten nivellieren und damit verschleiern würden. Doch ist die Erfassung der Trainingsintensität wichtig, um den Trainingsfortschritt zu überprüfen. Daher führen die Trainer für einzelne konditionelle Faktoren einfache Leistungsüberprüfungen, sogenannte Tests, im Training durch und fügen die Ergebnisse ins Protokoll ein. Die Leistungserfassung kann der Trainer im laufenden Training durch die Bestimmung einzelner Trainingsergebnisse, z. B. Zeiten bei Tempoläufen oder Weiten bei Mehrfachsprüngen, aber auch durch besondere Tests im Rahmen des Trainings durchführen. So können beispielweise einfache, regelmäßig und kontinuierlich erfasste Einzeltests, wie etwa die Sprunghöhe im Counter-Movement Jump oder die Weite beim Kugelschocken, als indirekte Abschätzung des muskulären Ermüdungszustandes etwa nach intensiven (Kraft)-Trainingsphasen zur Beurteilung der Leistungsbereitschaft bzw. „Frische“ herangezogen werden.

8.3.1 Zur Funktion von Tests im Training

Tests haben zwar einen gewissen Eigenwert als Motivationshöhepunkte in Trainingsphasen ohne Wettkämpfe, doch sollten sie auch zweckdienlich sein und Auskunft über den Erfolg des zuvor absolvierten Trainings geben, um es zu bewerten und gegebenenfalls das Training zu verändern. Lösel (2022) weist darauf hin, dass jeder Sportler nur so leistungsfähig wie „das schwächste Glied seiner Kette“ ist. Durch Tests müssten die einzelnen „Glieder“ bzw. Bestandteile der Bewegung überprüft werden, z. B. die Kraftvoraussetzungen an den beteiligten Gelenken, die Beweglichkeit, aber auch die koordinativen Fähigkeiten, und dann die (trainingspraktischen) Konsequenzen aus seinem Ergebnis gezogen werden. Die Überprüfungen müssen periodisch stattfinden, sodass eine Leistungsentwicklung bzw. ein „Performance-Screening“ für die einzelnen Leistungskomponenten entsteht.

Abb. 8.5

Abb. 8.5 Klassische Testübungen in der Leichtathletik: Sprints durch Lichtschranken, Standweitsprung und Kugelschocken

Um Verfälschungen der Ergebnisse durch den koordinativ-technischen bzw. Lernfortschritte gering zu halten, sollten Testübungen einfach und gut reproduzierbar sein. Nachfolgend und in Tab. 8.8 einige Beispiele:

Tab. 8.8 Testübungen Leichtathletik (vergl. RTPs, DLV, 2008-2015)

Tab. 8.8
  • Dauerläufe auf einer festgelegten Strecke bzw. in einer vorgegebenen Zeit (Coopertest)
  • Standweit- und -hochsprung, Sprunglauf oder andere Mehrfachsprünge (Abb. 8.5)
  • Sprint fliegend über eine festgelegte Distanz
  • Kugelschocken mit einem bestimmten, gegebenenfalls mit dem Alter steigenden Gewicht
  • Tempoläufe über festgelegte Strecken mit definierten Pausen
  • Elementare Kraftübungen wie Bankdrücken
    oder Kniebeugen

Tab. 8.9 Testbatterie DBS Nachwuchslehrgänge Para LA

Tab. 8.9

Tests sind Momentaufnahmen der mittelund langfristigen Leistungsentwicklung, sie sind fehlerbehaftet, können aber durch wiederholte Testungen (Retests) überprüft und sicherer gemacht werden (Lösel, 2022, 96). Regelmäßig wiederholte Tests z. B. am Ende einzelner Mesozyklen, dienen zugleich zur Auflockerung und Motivation im Training, helfen den Erfolg des Trainings zu prüfen und geben einen Einblick in die langfristige Leistungsentwicklung.

8.3.2 Beispiel Nachwuchskader- Testbatterie

Für verschiedene Zielstellungen haben die Trainer mit den Trainingswissenschaftlern konkrete Testserien erstellt, die in Hinblick auf bestimmte Zielsetzungen den Leistungsstand ermitteln sollen. In Tab. 8.9 ist eine Testbatterie beschrieben, mit der der Leistungsstand bzw. die Leistungsentwicklung aller Nachwuchsathleten der Para Leichtathletik im Rahmen von Lehrgangsmaßnahmen mehrmals im Jahr erhoben wird. Entsprechend breit sind die Tests angelegt, enthalten jeweils mehrere einfache Schnelligkeits-, Sprint-, Ausdauer-, Sprung- und Wurftests. Neben den Übungen sind auch Durchführungshinweise, erforderliche Messgeräte und Material beschrieben, damit der Test als Stationsbetrieb auch von anderen, z. B. Helfern, zügig durchgeführt werden kann, möglicherweise die Tests auch im Vereinstraining übernommen bzw. nachgeholt werden können.

Tab. 8.10 Individuelle Ergebnisse der Testbatterie Para LA Nachwuchs

Tab 8.10

In Tab. 8.10 sind die Ergebnisse dieser Testbatterie für eine Athletin bei mehreren Messterminen von September 2021 bis März 2023 dargestellt, so dass man die Leistungsentwicklung für einzelne Fähigkeiten (Schnelligkeit, Sprung-, Wurfkraft) über diesen Zeitraum verfolgen kann. Aufgrund von Verletzungen oder Messproblemen an einzelnen Standorten bzw. Messtagen können nicht immer alle Tests durchgeführt werden.

8.3.3 Arbeit mit Sollvorgaben

Ähnlich wie Wettkampfziele in der Jahresplanung formuliert werden, müssen auch für wichtige Testübungen Soll-Vorgaben gemacht werden, die in der Vorbereitungsperiode einen orientierenden und aufforderden, motivierenden Charakter haben, dabei aber realistisch bleiben müssen. Sollvorgaben können statistisch ermittelt werden, in dem die Testleistungen ähnlich leistungsfähiger Athleten gemittelt werden (=Querschnittsanalyse). Dazu muss zunächst eine Auswahl der Parameter und der Vergleichspopulation vorgenommen werden. Dann können entsprechende Werte in Datenbanken gesammelt und gepflegt werden, wie es das IAT von Beginn an in ausgewählten Disziplinen macht.

  • Wurden von einzelnen Athleten über mehrere Jahre wichtige Parameter gemessen, ist ein individueller bzw. Längsschnittvergleich auf objektiver Basis möglich?
  • Gibt es solche Datenprofile von mehreren Athleten (der gleichen oder unterschiedlicher Leistungsklassen), können Durchschnittswerte von alters- bzw. leistungsgleichen Gruppen gebildet und anderen Gruppen oder individuellen Ergebnissen in einem Querschnittsvergleich gegenübergestellt werden?
Abb. 8.6

Abb. 8.6 Leistungsnetz der Zubringerleistungen für einen Kugelstoßer: grüne Linie = Soll- bzw. Zubringerleistungen für eine definierte Zielleistung, rote Linie = Ist- bzw. gemessene Leistungen, jeweils in Prozent.

Diese Quervergleiche sind für die Maßstabsbildung bei Trainern und Athleten sehr wichtig, wie es die Leistungsspinne in Abb. 8.6 veranschaulicht. Sie ermöglichen über den Soll-Ist-Vergleich auch Prognosen für die Leistungsentwicklung bzw. Zielleistungen einzelner Athleten.
Roediger (2022) weist allerdings für Para Athleten daraufhin, dass nur wenige Athleten gleichen Leistungsniveaus bzw. Startklassen zur Verfügung stehen (s. o., Kap. 2). Bei langjährig erfolgreichen Athleten, kann in einer Längsschnittanalyse das eigene individuelle Leistungsprofil früherer Jahre zur Orientierung herangezogen werden, wonach bestimmte Trainingsleistungen bzw. Leistungsentwicklungen im Jahresverlauf die Voraussetzung für konkrete Wettkampfzielleistungen sind. In Tab. 8.11 sieht man die Leistungsentwicklung von Niko Kappel (F41) im Kugelstoßen, in wichtigen Kraft- und Sprungkraftübungen sowie dem Körpergewicht. Über mehrere Jahre verlaufen die Entwicklungen der Trainings- und Wettkampfleistungen synchron zueinander. Im Jahr 2022 verbesserte er die Kugelstoß-Weltbestleistung auf 14,99 m, bei den Tiefkniebeugen konnte er sein ohnehin hohes Niveau erhalten, sich in der vertikalen Sprungkraft noch einmal steigern, wozu evtl. das leicht rückläufige Körpergewicht beigetragen hat (vergl. ähnliche Parameter beim früheren Weltmeister im olympischen Kugelstoß, R. Hoffa; Babbit & Killing, 2018).